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Vielleicht sogar wir alle – Marie-Aude Murail

Mitten aus dem Leben.

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Inhalt
Bei Familie Doinel läuft im Moment alles nicht so, wie es sollte. Vater Marc darf sich mit der Übernahme seiner Firma durch einen niederländischen Großkonzern rumschlagen, Mutter Nadine hat Probleme mit ihrem Job als Vorschullehrerin, Tochter Charlie findet nicht so recht Anschluss in ihrer Klasse und der kleine Estéban wird gemobbt.
Doch inmitten des Chaos und der Entfremdung hat die ganze Familie einen Traum, etwas das sie verbindet und ihnen hilft, ihren Weg zu finden…

Meinung


Unter „Vielleicht sogar wir alle“ konnte ich mir zunächst gar nichts vorstellen. Die Geschichte lässt sich schwer zusammenfassen und auch das Genre ist kaum bestimmbar. Man muss sich also einfach überraschen lassen und das hat bei mir definitiv geklappt, denn dieser Roman ist eine kleine Wundertüte.

Von der ersten Seite an war ich gefangen von Marie-Aude Murails einfühlsamem, aber auch sehr humorvollem Schreibstil, der einem hilft, sich sofort in ihre Figuren hineinzuversetzen. Man merkt, dass die Autorin eine gute Menschenkenntnis und einiges an Lebenserfahrung besitzt und immer wieder ertappt man sich dabei, wie man kichert, oder auch über einen Satz nachdenkt und sich sagt: „Wie Recht sie doch hat.“.

Die Charaktere haben mich ebenfalls durch ihre lockere Authentizität und Tiefe beeindruckt. Jeder der vier Familienmitglieder ist einzigartig, auf seine Art sympathisch, hat aber auch seine Ecken und Kanten und Marie-Aude Murail gelingt es fantastisch, sich in jeden von ihnen hineinzuversetzen. Einzig und allein Charlie hat mich manchmal ziemlich gestört, weil sie sich für ihr Alter oft viel zu kindisch benommen hat.

Dass man die Geschichte aus den Perspektiven verschiedener Personen liest, macht das Genre des Romans so schwer bestimmbar, denn im Grunde spricht die Geschichte alle Altersklassen an. Es geht sowohl um die typischen Probleme von Kindern und Teenagern, sich in der Schule einzugliedern und Freunde zu finden, als auch um die Frage nach dem Sinn und dem Platz im Leben, den man vielleicht immer noch nicht gefunden hat, die manch Erwachsener sich vielleicht stellt.
Gerade gegen Ende hin wurde das Buch aber immer mehr zu der Geschichte Marc Doinels, was mich ein bisschen gestört hat, da ich auch über die anderen gerne mehr erfahren hätte.

Die Handlung ist, obwohl sie im Grunde nur vom Alltag der Doinels erzählt, durch die verschiedenen Perspektiven recht abwechslungsreich gestaltet und zeigt dem Leser, dass es nicht schlimm ist, an seinem Leben zu zweifeln und sich nach Veränderung zu sehnen, solange man nicht tatenlos rumsitzt, sondern versucht, etwas zu ändern.
Das Ende hat mich dann aber ziemlich enttäuscht, denn so langsam wurde die Geschichte immer aberwitziger und auf den letzten Seiten einfach nur schräg und unglaubwürdig.
Gerade das ist so schade, denn ich hatte erwartet, dass das Buch einem zeigt, wie man auf realistische Weise seiner Winterdepression entkommt, sein Leben ändert und seine Träume verwirklicht.

Fazit
„Vielleicht sogar wir alle“ ist ein einfühlsam und weise geschriebener Familienroman, der einem die kleinen und großen Probleme des Alltags und ihre möglichen Lösungen näherbringt, dessen Ende jedoch recht enttäuschend ist.


charlios

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