Schlagwörter

, , ,

Shalom – Avram Kantor

Eine eigenwillige, alte Dame; eine traurige Vergangenheit, die die Familie gespalten hat und ein Enkel, der alles durcheinanderbringt – Genau der richtige Stoff, für einen berührenden Familienroman.

Schalom

Inhalt

Als junge Frau überlebte Nechama nur knapp das Konzentrationlager der Nazis. Nun, etliche Jahre nachdem sie nach Israel ausgewandert ist, ist sie noch immer nicht gut auf Deutsche zu sprechen – auch nicht auf Frau und Kinder ihres eigenen Sohns. Doch dann kündigt Jaki ihr an, dass sein ältester Sohn Gil sich in den Kopf gesetzt hat, ein Jahr in Isreal zu leben und Nechama ist gezwungen, ihre Werte zu überdenken…

Meinung

Man braucht Geduld, um dieses Buch zu lesen, aber wenn man die Ruhe und die Zeit hat, versteht man, wie klug und witizg es ist und das der Autor ein wahrer Meister sein muss.

Auf den ersten Seiten verwirrte „Schalom“ mich erst einmal. Der Schreibstil ist ungewöhnlich und wechselt ständig zwischen banalen Alltäglichkeiten und kleinen, aber wichtigen Andeutungen, was die Vergangenheit und die Charaktere betrifft. Insofern braucht man etwas Geduld für die Lektüre, da man nicht erwarten darf, dass einem sofort alle Informationen vor die Nase gelegt werden.
Da der personale Erzähler es vermeidet, Namen zu nennen, muss man sich zunächst „einlesen“ und herausfinden, um wen es geht, doch dann bemerkt man, dass Avram Kantor scheinbar ein wirklicher Menschenkenner ist. Er versteht es, sich in die verschiedenen Figuren (in diesem Falle Nechama, ihr Nachbar Professor Sad und ihre Söhne Jaki und Avri) hineinzuversetzen und ihren gut ausgearbeiteten, nicht fehlerfreien, aber dafür sehr authentischen Charakter darzustellen, dass der Leser sie beinahe vor Augen sieht. Zudem beschreibt er Nechamas Alltag so genau und so realistisch, dass der Leser des öfteren schmunzeln muss, weil man sich vorstellen kann, dass die Geschichte genau so passiert sein könnte.
Kantor schreibt unterhaltsam ohne sich über die Charaktere lustig zu machen, benutzt poetische Beschreibungen, ohne schwülstig oder unverständlich zu wirken und erwärmt mir mit seiner Geschichte das Herz.

Die schrullige, alte Nechama habe ich auf den knapp 230 Seiten sehr in’s Herz geschlossen. Sie hatte eine schwere Vergangenheit, auf die der Autor nicht näher eingeht und ist schon sehr alt (mind. 80), weshalb man ihr ihre Schroffheit und ihre manchmal etwas verdrehten Gedankengänge nicht übelnehmen kann. Man kann sich über sie amüsieren, ohne sie auszulachen und sie in’s Herz schließen, obwohl sie nicht unbedingt sympathisch ist. Leid tut sie dem Leser auch des öfteren, wenn sie mit ihrem verstorbenen Mann Menachem redet, dem sie auch nach seinem Tod noch treu ergeben ist und von dem sie glaubt, dass er noch immer bei ihr ist.

Auch die Nebencharaktere Avri und Jaki, ihre beiden Frauen, und ihre Ansichten lernen wir im Laufe des Romans kennen. Besonders unterhaltsam ist es, Gespräche und Konflikte zwischen Nechama und ihren Söhnen aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, denn gerade dann kommt erst die ganze Schrulligkeit der alten Dame zum Vorschein.
Auf Gil konzentriert sich der personale Erzähler nie, sodass er, obwohl er an praktisch der ganze Handlung „Schuld“ ist, eher eine geheimnisvolle, aber sympathische Nebenfigur bleibt.
Am mysterösisten ist wohl Professor Sad, offenbar auch ein Deutscher, der ein seltsames, angespanntes Verhältnis zu Nechama hat. Zu Beginn glaubte ich noch an ein Geheimnis, das eventuell ihrer beider Leben verbindet, doch gegen Ende hin muss sich wohl jeder selbst um die Bedeutung des seltsamen alten Mannes für das Buch Gedanken machen.

Als Nechama ihren Enkel Gil kennen lernt, erinnert dieser sie sofort an Menachem und das Buch entwickelt sich zu einer Familien-Tragikomödie vom feinsten. Gil verschwindet kurz darauf und bringt alles durcheinander. Plötzlich ist die Großmutter, die sich noch nie so um eines ihrer Enkelkinder gesorgt hat, in Aufruhr, ruft dauernd bei ihren Söhnen an, statt auf deren Anrufe zu arbeiten und überdenkt sogar noch einmal ihre Einstellung gegenüber Deutschen.
Die Handlung ist amüsant, berührend, traurig und findet schließlich das passende und befriedigende Ende. Gleichzeitig bleiben, wie es im Leben nun mal so ist, auch einige Fragen unbeantwortet. Manch einer würde sicherlich sagen, dass viele Handlungsstränge einfach unbeendet gelassen werden, aber ich persönlich bin vollkommen zufrieden.

Fazit

Ein ungewöhnlicher, kluger und komischer Roman, den man sicherlich als „literarische Kunst“ bezeichnen kann. Mit einfachen und doch großen Worten erzählt Avram Kantor die Geschichte einer alten Dame und ihrer gespaltenen Familie, die schließlich doch wieder irgendwie zusammenwächst. Dabei finden vor allem sein feinfühliger Schreibstil und seine Art, sich in seine Proagonisten hineinzuversetzen bei mir Gefallen.
Manchmal hält sich das Buch etwas zu lange mit Alltagsbeschreibungen auf, dennoch empfehle ich diesen Roman jedem, der Lust auf eine geniale und wunderschöne Familiengeschichte hat.


charlios

Advertisements