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„Lesen ist langweilig“, murmelte er.
[…]
„Denkst du das wirklich?“, fragte der Mann und blickte Max durchdringend an. „Dass Lesen langweilig ist?“


[…]
„Ich persönlich halte Lesen für das Wichtigste im Leben“, fuhr der Mann beiläufig fort, als sei diese Unterhaltung vollkommen normal. „Oder zumindest für eines der wichtigsten Dinge – wir wollen ja nicht übertreiben.“
[…]
„Die Schriftsteller nämlich“, sagte der Mann eindringlich, „diese Schriftsteller verbringen schrecklich viel Zeit mit Nachdenken. Täglich unzählige Stunden, und das über die Jahre – ihr ganzes Leben lang! Während du fernsiehst, ringen sie mit den Mysterien des Universums und erforschen ihre Seelen – eine mühselige Plackerei, die sie beinahe umbringt! Und wenn sie etwas entdeckt haben, dann beginnt erst die eigentliche Arbeit, denn dann müssen sie darüber schreiben, müssen bis auf den letzten Blutstopfen darum kämpfen, sich so präzise wie möglich auszudrücken, damit jeder ihre Gefühle und Gedanken verstehen kann.
Und warum das alles?
Nur zu einem einzigen Zweck: Damit man auch in ferner Zukunft verstehen wird, was es bedeutet Mensch zu sein!“Er hob den Zeigefinger. „Natürlich kann das nicht jeder, das gebe ich gerne zu. Jeder lebt auf seine eigene Weise. Aber dennoch, dennoch möchte ich dich fragen – wie lange sitzt DU jeden Tag still und ringst mit den Mysterien des Universums? Zwei Stunden? Eine Stunde?“. Er verengte die Augen. „Nein! Ich will es dir ganz genau sagen: Nicht eine Minute! Nicht eine Minute verbringst du damit! Hier aber befinden sich Gedanken von Millionen von Jahren, die nur darauf warten, von dir entdeckt zu werden. Die größte Geschichte von allen – die Geschichte des Menschenlebens mit all ihren Widersprüchen und all ihrer Vielfalt – sie steht hier in diesen Regalen, und das nur dank der Schriftsteller, die geschuftet haben wie Sklaven. Die besessen waren von ihrer Idee und die so gut wie keine Hoffnung auf Belohnung hegen durften. Und wie dankst du es ihnen? Welche Inschrift meißelst du auf ihren Grabstein? ‚Lesen ist langweilig.‘ Nun gut. Du hast das bestimmt noch nicht richtig durchdacht, nicht wahr, und weißt nicht, was du redest. Andernfalls würdest du nicht etwas so Dummes von dir geben.“
[…]
Beim Lesen„, raunte der Mann, „erfährst du wer du wirklich bist. Du findest Spuren von dir selbst, Teile, von denen du zuvor nichts geahnt hast.

Aus:
Der Wald der träumenden Geschichten  (Malcolm McNeill)

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