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Joss oder der Preis der Freiheit – Klaus Kordon

Wer sich für Geschichte interessiert, sollte Klaus Kordons Bücher lesen.

Joss

Inhalt:

Der Waisenjunge Joss wächst auf, ohne zu wissen, wie sein richtiger Name lautet, wo er herkommt und was mit seiner Familie geschehen ist. Nur die Vermutung, dass die Franzosen seine Heimatstadt angezündet und so seine Familie ermordet haben, bleibt ihm und treibt ihn in jungen Jahren zu einem Schwur: Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich dem Kampf gegen Napoleon anschließen.

Doch als es dann so weit ist und das berühmte Lützowsche Freikorps durch sein Dorf zieht, gibt es plötzlich viele Fragen: Kann er seine Pflegeeltern, seine Freunde, sein ganzes Leben so einfach hinter sich lassen, in dem Wissen, dass er vielleicht nie zurückkehren wird? Reicht sein Hass auf die Franzosen aus, dass er es über sich bringen könnte, einen Menschen umzubringen?
Auf der Reise lernt er nicht nur viel über sich selbst, sondern auch über die aktuelle politische Lage und darüber, dass nicht immer alles nur schwarz oder weiß und oft viel komplizierter ist, als es dargestellt wird.

Meinung:

Klaus Kordon hat schon viele beeindruckende Bücher über wichtige Daten der deutschen Geschichte geschrieben und auch in „Joss“ widmet er sich wieder einem solchen: den Befreiungskriegen gegen Napoleon, mit der legendären Völkerschlacht bei Leipzig im Zentrum. Den Aufhänger bildet dabei das Schicksal des Waisenjungen Joss, der in diesem Buch seine Lebensgeschichte erzählt und dabei vor allem auf seine Zeit bei den Lützowern eingeht.

Joss wächst, nachdem er im Alter von etwa sieben Jahren seine Familie verloren hat, bei dem Bauernpaar Mutter Marie und Vater Mewes auf und führt ein recht einfaches, aber doch – bis auf die unbeantworteten Fragen nach seiner Herkunft – glückliches Leben, weshalb er von den aktuellen politischen Verhältnissen und ihren Hintergründen nicht viel mehr weiß, als dass momentan Frieden herrscht, da sich die meisten kleineren deutschen Staaten Napoleon angeschlossen haben und der preußische König die Friedensbedingungen des Kaisers der Franzosen akzeptiert hat. Genaueres braucht ein Bauer zu dieser Zeit auch nicht zu wissen, solange es seine Arbeit nicht betrifft, was das Buch in zweierlei Hinsicht interessant macht: Durch die Perspektive, aus der der Roman erzählt wird, nämlich Joss‘, erfährt man einerseits genau wie er erst nach und nach und recht einfach und anschaulich erklärt, wie die politische Lage in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts war und welche Hintergründe es dafür gab und lernt andererseits auch die Zeit unter Napoleon aus Sicht der einfachen Bevölkerung kennen. Gerade letzteres bietet eine interessante Lektion, die nicht nur für die Zeit der französischen Besatzung galt: Viele Menschen fühlten sich erst bedroht und handelten erst dann, wenn ihr Leben persönlich eingeschränkt wurde.
Und Napoleon, so erfährt man genau wie Joss im Laufe des Buches, hat durchaus auch gute und wichtige Ideen mit nach Deutschland gebracht, zum Beispiel ein gerechtes Justiz- und Steuersystem, festgehalten im (im Buch nicht namentlich genannten) „code civil“. Auch deutete sich schon zur Zeit der napoleonischen Kriege bereits an, was knapp 30 Jahre später zur Märzrevolution führen sollte: Der Wunsch nach einem geeinten Deutschland, nach Freiheit, nach mehr Gerechtigkeit im politischen System. Denn auch diese Frage wird im Roman aufgeworfen: Wie geht es weiter, nachdem Napoleon vertrieben wurde? Wird dann auch wirklich alles besser?
Der für Kordons Bücher typische, gut verpackte Lerneffekt ist also vorhanden.

Doch trotzdem wirkt der Roman nicht wie ein reines Geschichtsbuch, denn in erster Linie handelt es sich hier um eine fiktive Autobiografie, die Lebensgeschichte von Joss, was besonders am Anfang und am Ende des Buches deutlich wird, als es viel um Joss Leben, seine Familie und seine Freundschaften geht. Zu Beginn werden er, seine bis dahin bekannte Vergangenheit und die Menschen in Siebeneichen, dem Dorf in dem er aufwächst, nachdem er zur Waise gemacht wurde, eingeführt. Am Ende werden dann die Geschichten aller Personen, denen Joss dort und auf seiner Reise begegnet ist, zu einem für den Leser einigermaßen befriedigenden Ende geführt, was die Geschichte abrundet und nach den vielen politischen Ereignissen wieder zu einer sozialen Ebene zurückführt. Als Leser sollte man bei „Joss“ also sowohl bereit sein, vieles über Politik und Geschichte zu lernen, als auch, sich mit konkreten Einzelschicksalen zu beschäftigen, die das politische Weltgeschehen der Zeit oftmals, wenn überhaupt,  nur tangieren.

Aufgrund der lebendigen und anschaulichen Beschreibungen der allesamt einzigartigen Figuren, fällt letzteres auch relativ leicht.
Am Schicksal von Joss nimmt man Anteil und es fällt einem leicht, ihn ins Herz zu schließen, denn er ist ein sehr authentisch gestalteter Charakter: zwar intelligent und mit gutem Herzen, jedoch auch, was sicher der mangelnden Lebenserfahrung geschuldet ist, recht naiv, weshalb man so viel mit ihm gemeinsam lernen kann. Seine Entscheidungen sind, wenn sie einem auch nicht immer klug vorkommen, stets nachvollziehbar, sodass man gut mit ihm mitfiebern kann.
Auch die anderen Figuren sind eine originelle Mischung, von der man sich gut vorstellen kann, dass man sie im echten Leben so antreffen könnte. Klaus Kordon beherrscht eindeutig die seltene Kunst, mit nur wenigen Sätzen sehr lebendige Charaktere zu schaffen, die bei dem Leser ebenso positive wie negative Emotionen hervorrufen wie bei der Hauptfigur. Gerade auch Joss‘ emotionale Bindungen zu einigen Figuren erscheinen dem Leser so authentisch und binden ihn so in das Geschehen ein, dass er sich mit dem Protagonisten freut und mit ihm leidet. Ich zumindest habe besonders am Ende die ein oder andere Träne verdrückt. Ich hätte mir lediglich gewünscht, dass der Zeitraum, in dem der Hauptteil des Buches spielt, auf mehr als nur zweieinhalb Monate gestreckt wäre, da dies Joss‘ Gefühle einer bestimmten Figur gegenüber und seine gesamte Veränderung noch realistischer hätte erscheinen lassen.


Fazit

Am Beispiel eines bewegenden Einzelschicksals erzählt Klaus Kordon in „Joss“ vom Leben in Deutschland unter Napoleon und von den Befreiungskriegen des früheren 19. Jahrhunderts. Dabei erfährt der Leser nicht nur viel über die historischen Hintergründe der Zeit, die Lebensumstände der Menschen und die politischen Motive der einzelnen Parteien, das Ganze ist auch noch in die Lebensgeschichte eines sympathischen und authentischen Protagonisten verpackt, die auf die Tränendrüse drückt und das Herz erwärmt.

Charlios

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