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Elefanten sieht man nicht – Susan Kreller

The elephant in the room (engl. Redewendung): großes Thema, dessen sich jeder bewusst ist, über das aber – aus Angst oder Bequemlichkeit – keiner spricht.

Elefanten

Inhalt:

Das Buch kam an mit einer Stimmung, die ich nur zu gut kannte. Sommerferien auf Dörfern zu verbringen, in denen tote Hose herrscht und man keinen kennt, weil man irgendwie nicht dazugehört – ist echt nicht schön. Und genau solche Sommerferien muss die 13-jährige Mascha, die Protagonistin, jedes Jahr bei ihren Großeltern verbringen. Darum freut sich Mascha eigentlich auch, als auf einmal ein jüngeres Geschwisterpaar anfängt Zeit mit ihr zu verbringen – aber irgendetwas stimmt mit den beiden nicht, sie verhalten sich komisch. Mascha erhascht durch Zufall einen Blick in das Haus der Geschwister und siehe da – ihr Vater schlägt die Kinder. Sie muss etwas unternehmen! Aber wie, wenn in einem Friede – Freude – Eierkuchen Dorf, in dem alle taub, blind und stumm sind? Also geht es nicht anders, Mascha muss die beiden eben auf eigene Faust retten.

Meinung:

Wie Mascha das aber macht, ist relativ fragwürdig. Sie spielt mit den Kindern weglaufen und läuft mit ihnen zu einer blauen Hütte im nahe gelegenen Kornfeld. Ich denke, Mascha hatte das gar nicht geplant, es geschah aus dem Affekt heraus, dass sie die beiden Kinder einschloss, während diese ruhig schliefen. Die Logik dahinter war folgende: Wenn die beiden nicht nach Hause gehen können, dann werden sie dort auch nicht geschlagen.

„Die Sache, die im blauen Haus passiert ist, hat mir viele böse Blicke und meinem Vater beschert. Die Blicke blieben bis zum Ende der Ferien, aber mein Vater ist schon nach zwei Stunden wieder abgereist. Ich hätte ihn gerne noch länger hier gehabt und irgendwann vielleicht von ihm erfahren, dass das Falsche, dass ich getan hatte, gar nicht Falsch war, oder nur ein bisschen falsch, fast richtig. Aber alles, was ihm im Garten meiner Großeltern einfliel, war, ob das bitte schön nicht anders gegangen wäre.“

So beginnt das Buch und letztere Frage stellte ich mir beim Lesen auch tausend Mal. Wäre es nicht auch irgendwie anders gegangen?

Aber es war nun mal so: Mascha machte alles richtig, sie erzählte es ihren Großeltern, den Nachbarn, rief bei ihrem Vater an und danach bei der Polizei. Keiner wollte ihr zuhören oder gar glauben. Was hätte ein 13-jähriges Mädchen sonst noch tun können, außer an der Situation zu verzweifeln?

Mit dem Debütwerk von Susan Kreller sollte man vorsichtig sein, denn das Thema ist sehr heikel und schwer. Im Endeffekt hat Mascha den Kindern ihrer Freiheit beraubt und sie ohne Sanitäranlagen in dem Häuschen mehrere Tage lang eingesperrt. Natürlich hat sie sich um ihr Wohlergehen gekümmert, aber halt nur so gut, wie es eine 13-jährige kann. Andererseits war die Aktion zielführend, denn ein Arzt wurde auf die Kinder aufmerksam und die Mutter erlangte neue Entschlossenheit sich gegen ihren Mann durch zusetzten.

Im Grunde gibt es zwei Fraktionen im Buch. Mascha & ihr Wunsch zu helfen und die Dorfbewohner & deren Wunsch nach Ruhe und Ordnung. Die Standpunkte beider Seiten werden erläutert und auch wenn es einem nicht immer gefällt versteht man die Beweggründe für das Verhalten der verschiedenen Charaktere.

Die Charaktere selber sind allesamt sehr gut gezeichnet, wenn auch ein bisschen stereotypisch. Alle haben klar definierte Eigenschaften und bleiben in ihren Rollen, so gibt es eine bunte Vielfalt an Charakteren von denen niemand einem grau oder sinnlos erscheint.

Die Stimmung im Buch lässt sich grob in drei Phasen einteilen:

  1. Neutralität/ Einführung in das Geschehen
  2. Die Bedrücktheit und Verzweiflung darüber was mit den Geschwistern passiert und was Mascha dagegen unternimmt
  3. Erleichterung, dass doch noch alles gut wird.

Den Löwenteil nimmt auf jeden Fall der zweite Teil der Geschichte ein. Es von Zeit zu Zeit versucht die Stimmung ein bisschen zu lockern indem bei den Kindern eine ausgelassene Stimmung herrscht, was aber nicht so recht gelingt, denn die Grundstimmung ist und bleibt düster und drückend.

Sehr interessant fand ich die Erzählweise von Susan Kreller und die Art wie sie die Dialoge aufgebaut hat: Im ganzen Roman sucht man vergebens nach Anführungszeichen und die Dialoge wechseln zwischen direkter und indirekter Rede. Selten findet man Verben innerhalb der Dialoge, so dass man sich selber aussuchen kann wie die Leute die Dinge sagen, die sie sagen. Es wird einem viel Freiraum für Fantasie gelassen. Dieser Schreibstil macht es einem auch sehr einfach das Buch schnell zu lesen, da man sich nicht an Details aufhält. Ebenso ist dies kein Roman der einem mit seinen Ausmaßen tot schlägt, gute 200 Seiten umfasst das Buch, was auch meiner Meinung nach mehr als genug ist, aufgrund des Themas.

Fazit:

Mit ‚Elefanten sieht man nicht‘ ist Susan Kreller ein ganz besonderes Erstlingswerk gelungen. Ob besonders gut oder besonders schlecht, diese Meinung sollte sich jeder selber bilden. Die Autorin spricht auf jeden Fall ein Thema an, das nicht für fröhliche Stunden geeignet ist, über das sich aber Diskutieren lässt und welches ganz sicher nicht tot geschwiegen werden sollte.

 

Shymra

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